Freitag, 10. Juni 2016

Hochzeitstag

Bernie und ich gehören nicht unbedingt zu den Hochzeitstagszelebrierer. Aber 30 Jahre waren für mich dann doch ein Anlass, den Wunsch nach einem besonderen Event zu äußern.

Wir entschieden uns für einen Städtetrip nach Lissabon. Nun verspricht ein Urlaub mit Bernie, und sei er noch so kurz, auf jeden Fall jede Menge Action.  Auch die 4 Tage Lissabon machten da keine Ausnahme. Besonders nicht an unserem Hochzeitstag, der auf jeden Fall in die Annalen eingeht.

Strahlend blauer Himmel, ein reichhaltiges Frühstück und eine Tour durch die Gassen der Alfama - der Tag begann vielversprechend. Wobei Bernie nicht unbedingt ein Fan der engen Gassen war. 

Egal in welcher Stadt ich mich befinde, zünde ich für meine Lieben ein oder zwei Kerzlein an. Gesagt - getan, in der Kirche Santa Maria de Belém zwei Kerzen gestiftet und weiter ging es auf die Suche nach einer schönen Tasse, die ich mir als Souvenir mitnehmen wollte. Etwa hundert Meter unterhalb der Kirche wurde ich fündig und wollte die Tasse kaufen. Dies scheiterte allerdings daran, dass man Bernie zwischenzeitlich den Geldbeutel gestohlen hatte.

Oberste Regel bei Auslandsaufenthalten ist für mich, nie, nie, aber auch niemals den Reisepass oder Personalausweis mit zuführen. Der gehört unbedingt in den Safe im Hotel. Habe ich das Bernie gesagt? Selbstverständlich. Hat er sich daran gehalten? Natürlich nicht. Somit war seine ID-Karte, sein Führerschein und zwei Scheckkarten weg. Gott sei Dank war das Bargeld in seinem Schlüsselbund. Klingt komisch, ist aber Bernie.

Wir sprachen also umgehend eine Tuktukfahrerin an, die uns zurück ans Hotel fuhr. Wenigstens war das TukTuk hochzeitsweiß und so rumpelten wir übers Kopfsteinpflaster einmal quer durch die Stadt. Im Hotel angekommen erklärte ich dem freundliche Herrn an der Rezeption unsere missliche Lage. Leider mussten wir ihn bemühen, uns das Zimmer zu öffnen, denn natürlich war die Schlüsselkarte auch weg. Nachdem ich die EC-Karten sperren ließ, erklärte uns der immer noch freundliche Herr der Rezeption den Weg zur nächsten Polizeistation und rief auch bei der Botschaft an, die hatte allerdings schon zu, da mussten wir am nächsten Morgen hin.

Auf der Polizei warteten noch zwei Paare, ein drittes betrat kurz nach uns die kleine Polizeistation. Kurz darauf betrat eine ältere Frau den Raum, ziemlich verhärmt, ihre Kleider hatten auch schon bessere Tage gesehen und ich fragte mich, ob sie überhaupt eine Bleibe hatte. Na die Polizisten werden ihre Freude an der Alten haben, dachte ich mir. 

Und dann hatten mich meine Vorurteile zutiefst beschämt. Die Polizisten freuten sich nämlich tatsächlich über das Erscheinen der alten Dame. Sie würde weggeworfene Portmonees einsammeln, die von Taschendieben achtlos weggeworfen wurden, erläuterte uns eine Polizistin. In diesem Fall übergab sie eine Brieftasche einer Französin.

Vor dem Einschlafen hielt ich dann noch Zwiesprache mit dem Hl. Antonius und meinte so zu ihm, dass es eigentlich cool wäre, wenn er uns das Portmonee wieder beschaffen könnte. So wie bei der Französin. Probieren kann man's ja mal.

Am nächsten Morgen stand also der Gang zur Botschaft auf dem Programm, um Ersatzpapiere für die Ausreise für Bernie zu beantragen. Zuvor hatte Mäc für uns recherchiert, dass Bernie zwei biometrische Passbilder benötigt. In der U-Bahnstation fanden wir eine Fotografin und bestens vorbereitet stiefelten wir zur Botschaft.

Das war schon witzig, auf einmal waren wir wieder auf Deutschem Hoheitsgebiet. Man konnte sich deutsch unterhalten und das Formular musste man nicht erst übersetzen. Am nächsten Morgen wäre der Ersatz da, man müsse erst noch die Stadt Neuenburg kontaktieren, ob gegen Bernie auch nichts vorläge. Das hätte ich alles nicht erlebt, meinte mein Gatte zu mir. Ich enthielt mich eines Kommentares.

Es war noch früh am Tag und so schlenderten wir in die Innenstadt. Wir standen neben der uns wohlbekannten Polizeistation, als die Deutsche Botschaft Bernie aufs Handy anrief. Der Geldbeutel sei abgegeben worden. Der Ausdruck "Fassungsloses Erstaunen" traf unsere Empfindungen in dem Moment nicht mal annähernd. Wir ließen uns den Weg zur Polizeistation zeigen, in der Bernies Geldbeutel liegen sollte und tatsächlich: Es war Bernies Portmonee, samt Führerschein und ID-Karte, Scheckkarten und € 40,-- waren weg.

Die Menschen, die wir in Lissabon wegen der Unachtsamkeit belästigen mussten, waren allesamt sehr freundlich und hilfsbereit. Außer der blöden Tussi, die mir die Figur des Hl. Antonius verkaufte.

Ich hoffe, Bernie ist das für die Zukunft eine Lehre. Sein "ich merke das, wenn mir einer was aus einer Tasche klaut", wurde eindeutig widerlegt.

Abgespielt hat sich der Diebstahl meiner Meinung nach so: 
Als wir aus der Kirche rausgehen wollten, bildete sich vor dem Ausgang eine Schlange und es kam zu einem kleinen Tumult. Natürlich wurde der Menschenstau provoziert, es gab nämlich überhaupt keinen Grund, warum es nicht vorwärts ging. Und als es dann endlich weiterging war alles erledigt und der Geldbeutel weg. Und das merkt man definitiv nicht.


definitiv mein Lieblingsheiliger





Montag, 9. Mai 2016

Sport im Dritten

Direktaufstieg mit Meisterschaft und das vor den hochgelobten Roten Bullen aus Leipzig - wenn das als SC Freiburg Fan kein Grund war, sich mal wieder "Sport im Dritten" am Sonntagabend anzuschauen. Oder besser, anzutun.

Zu sehen bekam ich nämlich in erster Linie drei Heulsusen, die den vermeintlichen Abstieg des VfB Stuttgart beweinten. Alibimäßig war noch Ermin Bicakcic aus Hoffenheim eingeladen, der zunehmend ratloser wirkte ob seiner Rolle in diesem Zirkus. Der hat wahrscheinlich eine Wette verloren. Zu Gastgeber Antwerpes gesellten sich ferner Hansi Müller und Guido Buchwald. 

Als Freiburg-Fan geht man ja mit einem Abstieg schon relativ gelassen um - wobei der im letzten Jahr schon heftig war. Groß rumlamentiert wurde trotzdem nicht. Wir wussten ja, dass das mit dem Wiederaufstieg bestimmt klappt.
Jetzt steigen die Großkopferten möglicherweise ab und sie tun sich wahnsinnig leid. Böse Welt. Wahrscheinlich gibt es demnächst einen "Brennpunkt" nach der Tagesschau.

Man habe in der 2. Liga sehr, sehr viel weniger Geld zur Verfügung. Was da nicht alles an Sponsoren-, Fernseh, und was-weiß-ich für -Gelder verloren gingen. Willkommen in unserer Welt, lieber VfB. Herr Antwerpes hätte am liebsten noch am Abend den Vorstand samt Sportdirektor entlassen und regte sich auf, dass von den verantwortlichen Herren keiner seiner Einladung gefolgt war. Dann ließ er tatsächlich das Publikum über die Demission der Verantwortlichen abstimmen. Da war aber einer ganz schön auf Krawall gebürstet, mein lieber Mann.

Hansi Müller sieht im Abstieg immerhin die Chance eines Neuanfangs mit jungen, talentierten Spielern und Guido Buchwald sah aus, als trüge er die Last des Elends der ganzen Welt auf seinen Schultern. Gut - so sieht er eigentlich immer aus. 

Ach ja. Vom Sportclub weit und breit keine Spur. Irgendwann hatte ich genug, mich am Elend zu laben und beschloss, mich durchs Abendprogramm zu zappen, wobei ich mit der ARD anfing. Super. Frauke Petry. Die war mit anderen Pappnasen bei Anne Will. Natürlich ging es mal wieder um den Islam und die kruden Vorstellungen der AfD. 

Mir erschließt sich die Diskussion um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht ja nicht wirklich. Natürlich gehört der Islam zu Deutschland. Genauso wie das Judentum und der Buddhismus und was es sonst noch gibt. Weil wir nämlich Religionsfreiheit haben. Und damit gehört jede Religion zu unserer Gesellschaft. Das garantiert das Grundgesetz ihr Affen.

Selbige berufen sich ja gerne auf das Christentum, auf das unsere Nation fußt. Ich frage mich allerdings, in wie weit diese Leute dieses Christsein denn wirklich leben. Aber das nur am Rande. Ich versuchte es nämlich erneut mit "Sport im Dritten", wo tatsächlich der Bericht über die Meisterschaft des SC Freiburg gesendet wurde.

Na ja, so wahnsinnig lang war der Beitrag leider auch nicht. Im Anschluss nölte der Antwerpes dann noch rum, von wegen, die Spieler könnten sich auch mal was anderes einfallen lassen als das "Humba täterä" . Das mit dem Gönnen können müssen wir halt noch etwas üben, Herr Antwerpes.
Hansi Müllers Bemerkung über Kevin Großkreuz hätte er mal lieber gepfiffen. Dass man zuerst denkt und dann spricht - auch das sollten sie in Stuttgart beherzigen.

Ich hatte dann endgültig genug und räumte stattdessen die Spülmaschine aus. 

Freitag, 8. April 2016

Bitte warten

Am letzten Samstagmorgen wurde ich von der Heliosklinik in Müllheim informiert, dass man meine Mutter in die Uniklinik Freiburg einweisen müsse, man würde sie operieren und ich solle mich auf der Intensivstation melden. Damit hatten sich meine Pläne für's Wochenende in Wohlgefallen aufgelöst.  

Auf der Autobahn Richtung Freiburg war ich mir dann kurzfristig nicht mehr sicher, dass ich in die richtige Richtung fuhr und ob ich mich überhaupt noch in Deutschland befand. Überholt wurde ich ausschließlich von schweizer Autofahrern, wobei ich an dieser Stelle anmerken darf, dass ich wirklich nicht auf der rechten Spur rumgeschlichen bin. Aber die Mitbenutzer unserer Autobahn aus dem Nachbarland haben es bekanntlich immer etwas eilig.

Größere Probleme bereitete mir allerdings die Fahrt in Freiburg und meine Sorge, dass ich früher oder später einen Radfahrer am Kühler kleben habe. Ging aber alles gut und ich trödelte mich von einer roten Ampel zur nächsten bis ich zu meinem großen Erstaunen doch noch den Parkplatz an den Kliniken erreicht hatte.

Die Intensivstation habe ich relativ schnell gefunden. Von meiner Mutter und dem behandelnden Arzt keine Spur. Ich solle einfach warten, er käme sicher gleich. Das gleich war dann nach einer Stunde erreicht. Meine Mutter müsse zum CT, so die erste Info. Wie lange das denn ginge, so ungefähr. Möglicherweise eine halbe Stunde, es könne aber auch länger dauern, es wäre halt Samstag. Natürlich war das mit der halben Stunde Quatsch, nach eineinhalb Stunden tauchte der Herr in Weiß wieder auf und erklärte mir, ich solle einen Augenblick warten, er würde mit mir dann die Operation besprechen.

Ärzte haben offensichtlich eine andere Definition von Zeit. Der Augenblick dauerte eine Stunde. In dieser Zeit habe ich mir überlegt, wie viele Jahre meines Lebens ich wartend verbracht habe. Ich wartete auf Bahnhöfen, Flughäfen, Arztpraxen, Behörden. In Schulen, an der Kasse im dm, man wartet auf Handwerker oder Rückrufe. In dieser Zeit hätte ich wahrscheinlich locker ein, zwei Fremdsprachen lernen können.  

Zu lesen hatte ich natürlich nichts dabei und ich schwor mir, dass ich nie mehr ohne meinen tolino aus dem Haus gehen würde. Ich dämmerte im Wartebereich vor der Intensivstation vor mich hin und entschloss mich deshalb, mir einen Kaffee zu organisieren. Außerdem tat mir ein bisschen Bewegung sicher gut. Einen Kaffeeautomaten habe ich nach längerer Suche tatsächlich auch gefunden. Dallmayr. Immerhin. Natürlich hatte ich keine 70 Cent dabei, die 30 Cent Rausgeld auf meinen Euro hat der Automat dankend einbehalten.

Irgendwann tauchte dann auch der nette Arzt wieder auf, bat mich in ein Besprechungszimmer und klärte mich darüber auf, was auf meine Mutter zukommen könnte und welche Risiken eine Operation mit sich brachte. Die Alternative wäre allerdings, dass sie stirbt. Das machte mir die Entscheidung dann doch leicht. Ich könne gerne bis nach der Operation warten, diese dauert, wenn alles gut geht eine Stunde. Kann aber auch fünf bis sechs Stunden dauern. Ich lehnte dankend ab.

Ich müsse noch auf den Anästhesisten warten, die Narkose müsse besprochen werden, das ginge sicher nicht lange. Alles klar.

Mittlerweile hatte ich jedes Gefühl für Zeit verloren. Eine dreiviertel Stunde später kam die Anästhesistin. Sie war sehr nett. Nach einer viertel Stunde war dann soweit alles besprochen. Woran man merkt, dass man alt wird? Wenn die Ärzte deine Kinder sein könnten. 

Ich müsse jetzt noch auf den Pfleger warten, der gibt mir dann Bescheid, wann ich nochmal zu meiner Mutter gehen könne. Nach einer Stunde kam der Pfleger, ich sprach kurz mit meiner Mutter und machte ihr Mut. Auch der Pfleger bot mir an, bis nach der Operation zu warten.

Nachdem sich die Türen der Intensivstation hinter mir geschlossen hatten, machte ich mich auf den Heimweg. Im Labyrinth der Uniklinik habe ich mich natürlich verlaufen und ich erwischte den falschen Ausgang. Ich musste mich am Stand der Sonne orientieren um überhaupt eine Ahnung zu haben, in welcher Richtung mein Auto stand. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ich an meinem Auto war. Der ganze Unikomplex ist mit Sicherheit größer als Zienken. Wahnsinn. 

Meine Mutter hat die Operation übrigens gut überstanden. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Jetzt warten wir einfach ab.



Montag, 21. März 2016

Shosholoza

Es dauert ja immer eine Weile, bis man nach einer Reise tatsächlich wieder zu Hause ist. Bis die Seele nachgereist ist, sozusagen.

So richtig zu Hause bin ich daher immer noch nicht. Wobei der ganz normale Wahnsinn schon wieder Einzug gehalten hat. Mäc und Co. sind in Barcelona gestrandet, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Das war sie also - meine erste Reise nach Südafrika und meine erste Reise mit einer Reisegruppe. Und genauso zweigeteilt verlief auch die Tour. 



Man nehme alle Superlative, die einem in den Sinn kommen und wird Südafrika, seinen Menschen und der Natur doch nicht gerecht. Ich habe mich noch nirgends so willkommen gefühlt wie in diesem Land. Unglaublich, wie schnell man mit den Menschen ins Gespräch kommt. Dank meines Englischlehrers Arnold Walter klappte die Verständigung reibungslos. 
Mein Englisch habe einen britischen Akzent, meinte unser Busfahrer Neill. Und zack war ich innerlich ein Riese. An dieser Stelle tausend Dank Mr Walter.

Für die Rundreise in einer Reisegruppe hält sich meine Begeisterung in eher engen Grenzen. Zeitweise hatte ich das Gefühl, ich wäre mit Moser-Motz-Nörgel-Tours unterwegs. Es waren leider Mitreisende dabei, die waren in Südafrika und haben Deutschland nie verlassen. Den Vogel schossen dabei der Klugscheißer und die Duschkönigin ab. Unser Klugscheißer hatte immer einen guten Rat parat, was die Südafrikaner im allgemeinen und der Busfahrer, der Reiseleiter, das Hotelpersonal und was weiß ich noch wer im einzelnen, besser machen könnte. 
Die Duschkönigin hingegen beanspruchte für ihre abendliche Dusche auf jeden Fall eine Stunde. Dafür ließ sie auch ein Abendessen sausen und ging auf eigene Rechnung essen. Mir ist schon klar, dass man in fortgeschrittenem Alter etwas länger braucht, um alle Falten mit Farbe zuzuspachteln. Allerdings frage ich mich, für wen sie sich allabendlich so in Schale geworfen hat. Es gab ja in ihrer Altersklasse überhaupt nichts abzugreifen. Außerdem waren Doris und ich der Meinung, dass ein gutes Deo einen Abend locker zwei, drei Stunden überstehen lässt, ohne dass einem die Hunde nachlaufen. 

Auf der Straußenfarm haben wir erfahren, dass das Gehirn eines Straußes 40 Gramm wiegt. Auf sehr viel mehr kam der ein oder andere Mitfahrer auch nicht.

Ich hatte mir vor der Reise ein Mäntelchen aus Gelassenheit und Gleichmut genäht und so perlten die diversen Merkwürdigkeiten an mir ab. Meistens jedenfalls. Ab und zu entgleiteten mir allerdings die Gesichtszüge.

Gott sei Dank gab es noch Chris und Lore-Hase (und Helga, Karl-Heinz und Gertie). Die beiden sind aus Gottenheim und haben aus unserem Dialekt haarscharf geschlossen, dass wir aus der Nähe von Freiburg sein müssten. Wir hatten eine tolle gemeinsame Zeit. Und gibt es etwas Besseres, als mit Gleichgesinnten über die nervenden Mitfahrer abzulästern? Eben. They made my journey. Lore ist übrigens eine Arbeitskollegin von Bernies Cousin. Und in Knysna haben wir einen aus Oberried getroffen, der einen Arbeitskollegen von Doris kennt. 

Auch unser Reiseleiter Herbert Peter war eine coole Socke, der sich von den Nörglern überhaupt nicht beeindrucken ließ. Vor drei Generationen wanderten seine Ahnen als Missionare nach Namibia aus, mittlerweile wohnt er in Südafrika und macht den Job als Reiseleiter nur aus Spaß an der Freude.  

Für mich bot sich die Gelegenheit, mich von der Gruppe abzusetzen, als der Großteil sich zu einer Weinprobe aufmachte. Da ich keinen Wein trinke nutzte ich stattdessen die Zeit, und erkundete Kapstadt. Und nein, ich hatte keine Angst, alleine in der Stadt unterwegs zu sein.































Ohne Safari im Krügerpark ist eine Reise nach Südafrika unvollständig. Man wird ehrfürchtig angesichts dessen, welche Schätze die Natur bietet. Kotzen könnte ich angesichts der Tatsache, dass jährlich über 400 Nashörner abgeschlachtet werden, nur weil man in Teilen Asiens der Meinung ist, dass das Horn potenzsteigernd wäre. 

Bei Beginn der Tour hat man den Ehrgeiz, die sogenannten Big Five vor die Linse zu bekommen. Eine Garantie gibt es natürlich in einem 20.000 km² großen Gebiet nicht. Doch unsere Gruppe hatte das Glück. Sogar den Leoparden haben wir gesehen. Ein junges Weibchen, das buchstäblich über einem Ast hing und sich von den zahlreichen Jeeps überhaupt nicht beeindrucken ließ.

Auf der Rückfahrt machten wir Halt zum Mittagessen und aßen gefüllte Pfannkuchen. Das Lokal war zur Seite offen. Die Portionen waren mehr als reichlich, für eine Mitreisende deutlich zu groß. Ein Straßenhändler trat auf sie zu und fragte, ob er den Rest essen dürfe. Das beschämt. Gerade auch im Angesicht des Gejammers in Deutschland.

Ich habe noch sehr viel mehr Geschichten, für diesen Post soll es aber genug sein. 

Die Rundreise war seitens des Veranstalters unglaublich straff organisiert, d.h. für die einzelnen Sehenswürdigkeiten war viel zu wenig Zeit zur Verfügung. Für meine Vorstellung des Reisens war ich zu fremdbestimmt. Was natürlich nach sich zieht, dass ich nochmal hin muss. 

"Shosholoza" ist ein Südafrikanisches Lied, das sich als Ohrwurm bei mir eingenistet hat. Es kann übersetzt werden mit "mutig nach vorn schauen". Wäre für Deutschland auch keine schlechte Einstellung.
















Dienstag, 1. März 2016

uBuntu

Neulich rief mich meine Tante an. Mir ist immer mulmig zumute, wenn sie anruft. Tante bedeutet ja Elterngeneration und die ist halt doch schon betagt. Ich rechne also eigentlich immer mit schlechten Nachrichten.

In diesem Fall handelte es sich allerdings nicht um selbige. Im Gegenteil. Sie wäre ganz verzweifelt auf der Suche nach einer Mitreisenden nach Südafrika. Ihre Cousine, mit der sie die Reise geplant hatte, musste absagen und alleine wollte sie nicht gehen.

Jetzt bin ich ja ein überaus hilfsbereiter Mensch, der zudem nicht "Nein" sagen kann, und wenn jemand so verzweifelt um Hilfe bittet schon gar nicht. Demnach fliege ich also am nächsten Dienstag nach Südafrika.

Mit der Tante zu verreisen klingt nach Agatha Christie. Wenn die Nichte mit der Tante unterwegs ist, wobei die Tante ständig angeschickert ist, die Nichte etwas verhuscht daher kommt, mindestens zwei Mitreisende erschossen/erstochen/vergiftet werden und Hercule Poirot und seine kleinen grauen Zellen souverän die Morde aufklärt.

In meinem Fall ist die Tante gerade mal fünf Jahre älter, angeschickert werden wir beide ab und zu sein und als verhuscht würde ich mich nun nicht beschreiben. Sollte uns allerdings Hercule Poirot auf der Rundreise begleiten, muss ich mir doch Gedanken machen.

Im letzten Jahr war ich mit der coolsten Reisegruppe der Welt auf Sri Lanka. Ich bin sehr gespannt, mit wem ich es in diesem Jahr zu tun habe. 

Abgesehen davon, dass ich sowieso unbedingt mal nach Südafrika wollte, kommt mir die Reise gerade recht. Ich bin froh und dankbar, in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein. Ich lebe sehr gerne in diesem Land. Es ist ein Privileg, aber ich kann nichts dafür. Es ist eine äußerst glückliche Fügung. Aber im Moment brauche ich eine Pause. Mir geht die herrschende Hysterie gehörig auf den Sender. Das kollektive Rumgejammere nervt. Von den Vorkommnissen in Sachsen ganz zu schweigen. Ich habe genug vom Geplärre aus Bayern, von verpesteter, stinkender Sch....aus dem braunen Sumpf, von besorgten Bürgern, von geistigen und realen Brandstiftern usw. usw. 

Etwas mehr Demut würde vielen gut zu Gesicht stehen. Etwas mehr Gelassenheit. Deutschland, chill doch mal. Stell dir vor, der überwiegenden Mehrheit der Menschen dieser Welt geht es wesentlich schlechter. 

Ich hoffe, dass sich die aufgeheizte Stimmung nach den Landtagswahlen wieder etwas normalisiert. Wenigstens ein bisschen. Selbstverständlich habe ich per Briefwahl mein Votum abgegeben und bin sehr gespannt, wie die politische Landschaft nach meiner Rückkehr aussieht. Und ob ich ein weiteres Mal zur Bürgermeisterwahl gebeten werde. Ich hoffe nicht.

Elisabeth schenkte mir einen wirklich genialen Reiseführer, in dem die afrikanische Philosophie des uBuntu beschrieben wird. Eine Philosophie, die mich fast ein wenig beschämt hat. uBuntu kommt aus der Sprache der Bantu und bedeutet: "Ich bin, weil ihr seid und ihr seid, weil ich bin." uBuntu bedeutet Nächstenliebe, Menschlichkeit, Gemeinsinn, Respekt und Anerkennung für seine Mitmenschen. Das eigene Wohlergehen und das Wohlergehen einer Gemeinschaft hängt ab vom respektvollen Umgang miteinander und von der Erkenntnis, dass jeder nur der Teil eines Ganzen ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nächsten Dienstag geht es also los. Was den Flug angeht, ist mir schon etwas unwohl. Ich bin jetzt nicht gerade der begeisterte Flieger. Ich frage mich jedesmal, warum es immer noch nicht möglich ist, schneller zu fliegen. Da beweist man das Vorhandensein irgendwelcher Gravitationswellen, CERN beschleunigt Teilchen und nur Gott und ein paar Physiker wissen warum. Und was hat die Menschheit davon? Ich sitze immer noch 12 Stunden im Flieger und hoffe, dass der Vogel oben bleibt.









Donnerstag, 18. Februar 2016

Scheibenfeuer

Seit Juni letzten Jahres singe ich im Gesangverein Niederweiler. Klingt komisch, ist aber so. Neben einem Hoffest im Juni richtet  dieser Verein auch das Scheibenfeuer am 1. Fastensonntag aus. Dabei werden mittels Haselnussruten quadratische Buchenholzscheiben, die man zuvor an einem Scheiterhaufen zum Glühen gebracht hat, über einen Schlagbock ins Tal geschlagen.

Zu meinem Leidwesen liegt der 1. Fastensonntag immer im Winter, wobei ich Winter als alles was unter 15° liegt definiere. Weshalb man mich auch niemals zuvor an einem Scheibenfeuer gesichtet hat. Ist absolut nicht meins. Aber grad gar nicht.

Sozusagen mitgesungen, mitgehangen trug ich mich in die Helferliste des diesjährigen Scheibenfeuers auf der Himmelswiese zu Niederweiler ein. Gläserwaschen von 17 bis 21 Uhr. Super. Wenigstens hatte es aufgehört zu regnen, als ich, mir Mut zusprechend und mit ganz viel Sonne im Herzen, den Dienst antrat. Wie um mich zu verhöhnen pfiff der Wind um die Ecke, der Boden war matschig aufgeweicht. Meine Motivation passte sich den Außentemperaturen an.

Meine Sangeskollegen setzten derweil mit Glutnestern den Scheiterhaufen in Brand. Ich gehe mal davon aus, dass sie eine ganz bestimmte, jahrhundertelang erprobte, von Generation zu Generation weitergegebene, ganz spezielle Technik anwandten. Jedenfalls standen sie andächtig an ihre Mistgabeln gelehnt am brennenden Haufen, bewunderten ihr Werk und sahen, dass es gut war. Sie erinnerten mich an den Spruch "Männer werden 7 Jahre alt und dann wachsen sie nur noch".

Ob das denn nicht ein fantastischer Ausblick bis zu den Vogesen wäre, meinte der 1. Vorsitzende. War es zweifellos. Allerdings habe man den auch an einem Johannisfeuer im Juni, so meine Erwiderung. 
Blick aus der Spülküche

Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen, was allerdings tatsächlich einige nicht davon abhalten konnte, ihre Scheiben zu schlagen. Habe ich schon erwähnt, dass es saukalt war? Da half es auch nicht, dass ich ab und zu meine Hände in heißes Wasser tauchen konnte. Das hat meinen Füßen überhaupt nichts gebracht. Und mit diesen die Gläser zu spülen habe ich mich dann doch nicht getraut.

Zwischendurch demonstrierte ein weiterer Kollege, was er bis jetzt im Tanzkurs gelernt hat. Sehr vielseitig, diese Niederweilemer. Es sah allerdings ein wenig danach aus, als ob er für eine Parade für Kim Jong-un proben würde. Aber Hauptsache, es macht ihm Spaß.

Mein Nebenmann vom Getränkeverkauf erzählte derweil begeistert von seiner Leidenschaft, dem Skifahren. Als ob mir nicht schon kalt genug gewesen wäre. Am Samstag wäre er am Feldberg gewesen und am nächsten Samstag würde er nach Arosa fahren. Ich hatte das Gefühl, als ob dank dieser Erzählungen von Schnee und noch mehr Schnee kleine Eiskristalle durch meine Blutbahnen tanzten. 

Nein, so eine Kälte hätte er in den letzten 15 Jahren nicht erlebt, meinte ein weiterer Sangeskollege und strahlte mich aufmunternd an. An seiner Mitarbeitermotivation muss er noch arbeiten. Da habe ich offensichtlich mit meiner Scheibenfeuerpremiere einen Volltreffer gelandet. Ganz große Klasse. Schlagartig war mit klar, warum sich außer mir bei der letzten Probe noch niemand in die Liste eingetragen hatte. 



Ich konnte die Begeisterung der anwesenden Scheibenschläger immer noch nicht teilen, dachte aber bei mir, dass angesichts der strahlenden, rotwangigen Gesichter, den total verdreckten Hosen und Schuhen und den nach Rauch stinkenden Haaren doch noch Hoffnung für die Welt besteht.  

Eine halbe Stunde vor Schichtende hatte eine Kollegin Erbarmen und kam, um einen von uns abzulösen. So schnell konnte ich gar nicht schauen, da war der Skifahrer weg. Er habe wahnsinnig kalte Füße, sprachs und war verschwunden. Gott sei Dank kam kaum 10 Minuten später die zweite Ablösung und ich konnte mich bei einer heißen Wurst und einem Kinderpunsch (der tatsächlich noch nicht ausverkauft war) aufwärmen. 

Auf der Heimfahrt wurden kurz vor Neuenburg meine Füße wieder an das Herz-Kreislaufsystem angeschlossen und wurden so wieder ein Teil von mir. Im Radio erklang "Zombie" von "The Cranberries", was so ziemlich genau meine körperliche Verfassung beschrieb.

In den allermeisten Fällen liegt das allergrößte Glück in den kleinen Dingen des Lebens. Zum Beispiel auf dem Sofa zu sitzen, eingekuschelt in eine Decke, die Füße an einer heißen Bettflasche gewärmt, um einen Mordfall in New Orleans zu lösen.








Sonntag, 7. Februar 2016

Mehr denn je

Wie ich denn auf das Motto der Fasnacht in Neuenburg gekommen sei, dass man Fasnacht mehr denn je brauche, wurde ich neulich gefragt. Nun, ich habe einfach meine Gedanken in Reimform gebracht. Denn ganz ehrlich, ich brauche eine Pause von der Massenhysterie, von der dieses Land befallen zu sein scheint. 

Meine größte Sorge heute war, ob es am Umzug regnet oder nicht, die vergangenen Tage waren geprägt vom Problem mit juckender Schminke, der Frage, wohin mit dem Charlie-Chaplin-Stock, Campari oder Caipi, Fertigpizza oder Currywurst, Stadthaus oder Steakhaus. Man grüßt mich mit "Hallo Wolfgang Petri" und ich habe in den letzten Tagen Tränen gelacht wie schon lange nicht mehr.

Dass ich diese Tage  mehr denn je brauche bestätigte mir die "Kurzfassung des Wahlprogramms der AfD, das gestern ungebeten der Werbung beilag.
Zuerst wollte ich diese ungelesen entsorgen, entschloss mich aber dann, mich schlau zu machen, was dieses Auffangbecken für Durchgeknallte für Vorstellungen hat und mit welchen Verbesserungsvorschlägen sie die Zukunft des Landes gestalten wollen. Da kommt einem schon das Grausen und das Grauen kriecht durch die Glieder. Die Geiferer, Eiferer, selbsternannten Weltenretter und Wichtigtuer gehen mir gehörig auf den Senkel. 

Ich werde das krude Machwerk aufbewahren. Es soll keiner hinterher behaupten, er hätte nichts davon gewusst. Außerdem stehen auf der Rückseite die Namen aller Kandidaten zur Landtagswahl drauf. Wer weiß, wann man die Info mal brauchen kann. Und vielleicht schämen sie sich ja irgendwann einmal, jemals auf so einer Liste gestanden zu haben.

Natürlich mutet es für Außenstehende etwas seltsam an, sich im wahrsten Sinne des Wortes zum Narren zu machen. Sich blaue Perücken aufzusetzen oder als Zebra durch die Lande zu traben. Andererseits bin ich geneigt, allen besorgten Bürgern zuzurufen: Hey, macht euch mal locker, geht an Umzüge statt zu Montagsdemos. Singt schwachsinnige Lieder  und schunkelt mit eurem Nachbarn, obwohl ihr den überhaupt nicht kennt. Euch öffnet sich eine ganz neue Welt.



Meine Auszeit dauert noch bis Dienstagabend. Bis dahin gilt es die Frage zu beantworten, wie ich das Thema "Mut zum Hut" für den Rosenmontag bei den Fröschen umsetzen kann. 

In diesem Sinne ein dreifach donnerndes Schnoog, Schnoog - Quak, Quak