Mittwoch, 11. November 2015

"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen ...

... man weiß nie was man kriegt". 

Wer hatte gestern den Termin vor dem Verwaltungsgericht Freiburg auf dem Schirm, in dem es um die Bürgermeisterwahl ging und die Frage, ob die Wahl gültig war oder nicht ? Also ich nicht. Was sollte auch schon schief gehen? Dem Termin konnte man relativ gelassen entgegen sehen.

Gestern Nachmittag war es dann vorbei mit Gelassenheit. Völlig ungläubig saß ich vor dem PC und konnte nicht fassen, was auf BZ online zu lesen war: Bürgermeisterwahl ungültig, Neuwahlen (sofern niemand Einspruch gegen das Urteil einlegt). Rumms. Schockstarre. Die vermeintliche Lobhudelei über den amtierenden Bürgermeister Schuster in einem Artikel in der Stadtzeitung fünf Wochen vor der Wahl stellten eine unzulässige Wahlbeeinflussung dar. So so.

Das geschriebene Wort, egal wie es zum Leser kommt, hat heute eine immer geringer werdende Halbwertzeit. Information gelesen, zack, weg, nächste Info. Da kann mir niemand erzählen, er würde sich am Wahltag noch an einen Artikel vor fünf Wochen in der Stadtzeitung erinnern. Oder er habe sich eigens Notizen gemacht, um sich die Entscheidung zu seiner Wahl fünf Wochen später nochmal ins Gedächtnis zu rufen. Lächerlich. Aber ich habe ja auch nicht Jura studiert und habe demnach keine Ahnung. 

Frau Wörlein jubelt, der Rechtsstaat habe gesiegt, als ob dieses Urteil eine Änderung in der Verfassung initiiert hätte. Hat es natürlich nicht. Es ist ein ganz normales Urteil, gefällt von einem unabhängigen Richter, ein anderer Richter wäre möglicherweise zu einem anderen Urteil gekommen. Teile ihrer Anhängerschaft kriegen sich vor Schadenfreude nicht ein und sehen Chancen auf eine erfolgreiche Wahl.

Mir war bis dato nicht bekannt, dass ich für solch ein bedeutendes Presseorgan wie dem Neuenburger Amtsblatt geschrieben habe. Dass unser Amtsblatt von so großer Bedeutung für die Leser ist, dass die Artikel sogar eine Wahl beeinflussen können. Krass. Hätte ich wirklich nicht gedacht. Sehr geehrter Richter Wolfgang Albers, sie beleidigen meine Intelligenz. Man kann zu besagtem Artikel stehen wie man will, aber er habe eine Wahl beeinflusst? Echt jetzt? 

Noch immer beschäftigt mich natürlich die Frage, warum Frau Wörlein (die sich übrigens auf ihrer Facebookseite als Politikerin bezeichnet - wie schräg ist das denn?) tut was sie glaubt tun zu müssen. Nachvollziehen kann ich es nämlich immer noch nicht. Ich fürchte, sie verkennt die Stimmungslage in der Stadt - die aus dem fernen Wiesbaden auch relativ schwer mitzukriegen ist. Woher kennt Frau Wörlein die Befindlichkeiten der Neuenburger Bürger? Die eine fährt nach der Urteilsverkündung ausgelassen nach Wiesbaden, der andere - wohl weniger ausgelassen - nach Hause nach Neuenburg am Rhein.

Mit ihren knapp über 37 Prozent erzielte sie bei der nunmehr ungültigen Wahl ein mehr als beachtliches Ergebnis. Zustande kam dies - wenn ich mich hier als Analyst betätigen darf - sicher aufgrund von Wählern, die von Frau Wörlein überzeugt waren, von Wählern, die Herrn Schuster einen Denkzettel verpassen wollten und von Wähler, die auch einen Torpfosten wählen würden, weil sie persönliche Probleme mit dem Amtsinhaber haben.

Welche Wähler am Ende bei der nächsten Wahl übrig bleiben, darüber kann man nur spekulieren. Wobei ich auf die Torpfosten tippe. Sollte sie nochmal auf über 37 Prozent kommen, würde mich das doch sehr wundern.

Neuwahlen also. Mit einer erneuten Vorstellung der Kandidaten. Herzlichen Glückwunsch Frau Wörlein. Da möchte ich nicht in ihrer Haut stecken. Aber wie gesagt, aus der Ferne kriegt man das halt nicht mit. Vielleicht wären die anstehenden Fasnachtsveranstaltungen ein guter Probelauf. 

Nun will sie also dem Rathaus vorstehen mit Mitarbeitern, die sie im Jahr zuvor noch der Wahlmanipulation bezichtigt hat. Super Idee. Wobei sich mir die Frage stellt, ob sie dann bei den Neuwahlen Wahlbeobachter anfordert. 

Selbstverständlich polarisieren Menschen in Machtpositionen. Es würde mich auch sehr befremden wenn wir einen Bürgermeister hätten, der everybody's darling ist. So jemand wäre mir dann doch sehr suspekt. Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen und kenne meine Stadt schon sehr lange - im Gegensatz zu Teilen der Anhängerschaft der Politikerin. Ich fühle mich daher kompetent genug zu sagen, dass Herr Schuster in den vergangenen 24 Jahren nicht so wahnsinnig viel falsch gemacht hat.

Wie dem auch sein, ich hoffe, bei den vermutlichen Neuwahlen geht alles glatt und mein Kopfschütteln wird nicht chronisch. 

Montag, 2. November 2015

Auswärtsspiel

Wir könnten doch nach dem Allerheiligen-Friedhofsbesuch in Freiburg anschließend nach Munzingen fahren. Dort spiele die 1. des FC Neuenburg. Wer konnte ein so verlockendes Angebot seitens meines Mannes schon ausschlagen? Außerdem versprach mir Bernie einen sonnigen Herbsttag, sobald sich der Nebel verzog. Und das würde er ganz bestimmt.

Also in Freiburg war es immer noch neblig, meinte Mäc, die vom Bodensee kommend durch Freiburg fuhr. Das mit dem Nebel, der sich noch verziehen sollte, glaubte sie nicht so recht. Ich hätte auf sie hören sollen.

Natürlich verzog sich nämlich überhaupt nichts. Im Gegenteil. Im Laufe des Nachmittages wurde die Sicht immer trüber und passte sich damit wunderbar der Stimmung unter den Neuenburger Fans an.

Flüchtlings,- Asyl,- Nahost- und sonstige Krisen: Vergesst es. Die wirklichen Dramen spielen sich jedes Wochenende auf und neben den Fußballplätzen der Republik ab. Alles hochemotional. Da wird gepöbelt und gestänkert, gemotzt und geschrien und lauthals der Unmut über das Versagen wahlweise des Schiedsrichters, des Gegners oder gerne auch der eigenen Mannschaft kundgetan. 

Die Chancenauswertung unserer Truppe war mal wieder eher suboptimal. Nachdem man großzügig auf die Führung verzichtet hatte und die Einladungen zum 1 und 2:0 dankend ablehnte, kam es, wie es kommen musste: Die Munzinger gingen 1:0 in Führung. Tja, das ist eben so wie im richtigen Leben. Wenn du deine Chancen nicht nutzt kommt ein anderer der nicht lange fackelt und hängt dich ab.

Zur Halbzeit stand es also 1:0 für Munzingen und der Nebel sank leise nieder. Kälte kroch mir in die Glieder und ich fragte mich, was ich eigentlich an diesem unwirtlichen Ort verloren habe. Überhaupt nichts, dachte ich mir und verzog mich ins Clubheim zu einer schönen heißen Tasse Tee. Ich beobachtete die 2. Halbzeit am Fenster stehend, zwischenzeitlich fiel das 2:0, die Emotionen kochten, der Schiedsrichter pfiff sich die Seele aus dem Leib, rote Karte für Munzingen, rote Karte für Neuenburg, mann da ging die Post ab. Alles ganz normal.

Kurz vor Ende des Spiels kam ein Munzinger ins Clubheim, aufgebracht schimpfte er über die Neuenburger Fans, so was habe er ja überhaupt noch nicht erlebt - schlimmer waren nur die aus Steinenstadt. So so denke ich und muss schmunzeln, das bleibt ja wenigstens in der Familie. Dann meinte er, das ist doch ein Pack, was da hergekommen wäre.

Dann war meinerseits Schluss mit Schmunzeln. Das reiche jetzt, meinte ich, ich würde mich (und im Übrigen auch die mitgereisten Anhänger) schon mal überhaupt nicht als Pack bezeichnen lassen. Natürlich gab dann ein Wort das andere und ich verlor zugegebenermaßen leicht die Contenance. Kann schon sein, dass ich leicht die Stimme erhoben und mit dem Finger gefuchtelt habe. Aber Pack? Geht's noch? Jedenfalls stürmte mein Kontrahent wütend aus dem Lokal und ward nicht mehr gesehen.

An der Theke stand ein grauhaariger älterer Mann, der versuchte, die Wogen etwas zu glätten. Sehr diplomatisch, muss ich sagen. Er kam dann zu dem Schluss, der Schiri sei sowieso schuld, weil er schlecht gepfiffen habe. Praktisch. Am Ende ist der Schiri Schuld.

Kurz darauf, das Spiel endete 2:1 für Munzingen, stürmte dann ein weiterer Einheimischer ins Clubheim und verkündete lautstark, er würde die Neuenburger Nummer 10 verklagen wegen Körperverletzung. Alle Beschwichtigungsversuche fruchteten nicht. Ich dachte mir, die haben hier wohl alle ein Rad ab, war aber still. Als er das Lokal verließ, bedankte er sich in meine Richtung. Bernie, der sich zwischenzeitlich zu mir gesellt hatte, sah mich verwundert an und fragte, ob der mich gemeint habe. Keine Ahnung, wofür genau der sich bedankte. Vielleicht für den Umsatz im Clubheim, für den das "Neuenburger Pack" gesorgt hat? 

Man kann mir an dieser Stelle unterstellen, ich hätte das Geschehen durch eine gelb-schwarze Brille beobachtet und ich wäre auf dem linken Ohr fast taub. Aber ganz ehrlich, mir ist ein ungebührliches Verhalten seitens der Neuenburger Fans nicht aufgefallen. Nichts, was außerhalb des üblichen Rahmens liegt. Wir waren, denke ich, zahlenmäßig überlegen und damit einfach lauter. Aber wenn die Munzinger bei Heimspielen lieber zu Hause bleiben (was ich ihnen an diesem Sonntagnachmittag überhaupt nicht verdenken konnte), ist das wohl deren Problem. Und eine Klage wegen Körperverletzung? Echt jetzt?

Beim Fußball geht es hoch her. Das war schon immer so. Schon meine Oma ging mit einem Schirm auf den Schiedsrichter los und erhielt daraufhin Platzverbot (und natürlich hat sich mein Onkel in Grund und Boden geschämt). Das muss man aushalten.

Im besten Fall steht man nach dem Schlusspfiff an der Theke und trinkt was zusammen. Also die anderen. Ich nicht. Das sieht mit einer Tasse Tee einfach zu blöd aus.

  




Dienstag, 20. Oktober 2015

Glückstage

Im Laufe eines Jahres gibt es Tage, auf die man sich besonders freut. Zum Beispiel die Osternacht im Elztal. Wobei ich jetzt gar nicht mal so genau sagen kann, was mir da am besten gefällt: Das Pizza essen mit Bernhard, das Ende der Fastenzeit oder die Auferstehung. Die Geburtstage von Gaby (mit superleckeren Rindswürsten und dem running gag, dass Gaby nie ihren Wunsch verwirklichen kann, ihren Geburtstag draußen zu feiern). Elke (die ihren Geburtstag draußen feiert, obwohl schlechtes Wetter ist) und Elisabeth (die jedes Jahr unter Beweis stellt, dass man sehr wohl 20 Personen um einen kleinen Küchentisch platzieren kann).

Definitiv zu meinem persönlichen Jahresglückstag zählt auch der Samstag der Frankfurter Buchmesse. In diesem Jahr hatte ich das Glück, die Buchmesse mit Mäc und drei Freundinnen zu besuchen. Auch wenn dies bedeutete, unchristlich früh aufstehen zu müssen. 

Aus der Fülle der Veranstaltungen wollte ich eigentlich nur zur Sendung "Druckfrisch" mit Denis Scheck, dem ich bei seinen Kritiken sehr gerne zuhöre und die ich in den allermeisten Fällen auch teile. "Druckfrisch" hat dann auch tatsächlich gehalten, was ich mir davon versprochen habe.
Ansonsten ist die Promidichte an der Buchmesse natürlich relativ hoch - sofern man von den zahlreichen Autoren auch weiß, wie sie aussehen. Und sofern man sie auch als Prominent wahrnimmt. Mario Adorf und Ulrich Wickert könnten problemlos an Mäc vorbeilaufen, sie hat weder vom einen noch vom anderen je etwas gehört. Im Falle von Ulrich Wickert war es tatsächlich so, mein "das war der Wickert" hat sie nicht sonderlich beeindruckt. So relativiert sich das eben mit dem Promidasein.

Der Einfachheit halber haben wir uns in Gruppen aufgeteilt. Elke und Gaby, Mäc und ich, Elisabeth war alleine unterwegs, ihre Leidenschaft für die Wissenschaft entsprach nicht so ganz unseren Interessen. Zwischendurch trafen wir uns dann zum Erfahrungsaustausch. Das erste Treffen haben allerdings Elke und Gaby verpasst. Die Damen haben sich in eine Veranstaltung eines Verlages geschmuggelt bei der auch Sekt gereicht wurde - da kann man ein Treffen schon mal verpassen. Außerdem hatten sie danach leichte Orientierungsprobleme, was möglicherweise mit dem Sekt zusammenhing. Man weiß es nicht.

Schlecht an der Buchmesse ist, dass man am Samstag keine Bücher kaufen kann. Der Grund leuchtet mir im Smartphonezeitalter nicht ganz ein. Ob ich Bücher vor Ort kaufe oder mir vor Ort im Netz bestelle ist doch völlig egal. Gut am Samstag ist, dass man keine Bücher kaufen kann. Die Gefahr, in einen wahren Kaufrausch zu fallen, wäre einfach zu groß. Was mich noch interessieren würde ist, wie viele Bücher an so einer Buchmesse eigentlich geklaut werden. Angesichts der Massen, die sich durch die Reihen schieben, ist dies nämlich ein leichtes Unterfangen, möchte ich mal behaupten. 

Mit ihren überaus fantasievollen Kostümen waren Cosplayer, die an diesem Tag zu Hunderten die Messe bevölkerten, bunte Hingucker (oder eyecatcher wie wir heute zu sagen pflegen). Dabei ist mir der Tod (na ja, nicht gerade die bunteste Erscheinung) drei Mal über den Weg gelaufen und ich hoffe, das hat nichts zu bedeuten. 

Überhaupt bin ich mir nicht ganz sicher, was mich mehr an der Buchmesse beeindruckt: Die wirklich in schier unübersichtlicher Zahl vorhandenen Bücher oder das Publikum. Lesen scheint Gott sei Dank doch noch nicht so ganz aus der Mode gekommen zu sein. Erstaunt war ich auch von den langen Schlangen vor den Ständen, an denen Autoren ihre Werke signierten. Was macht man mit einem Buch, das die Unterschrift des Autors enthält? Steht das dann aufgeklappt im Wohnzimmer? Zeigt man das seinen Freunden, auf das diese dann vor Neid erblassen? 

Nach 7,5 Stunden Buchmesse waren wir dann alle ziemlich platt. Auch meine Mitreisenden, die noch bei der Ankunft im Parkhaus fröhlich hüpfend die Treppe benutzten (im Gegensatz zu mir), fuhren dankbar für die Möglichkeit, ihre müden Beine zu schonen, auf dem Weg zum Parkplatz mit der Rolltreppe.



Natürlich steht auch im nächsten Jahr der Besuch der Buchmesse in meinem Kalender. Es ist übrigens der 22.10.

Apropos Bücher: Ich war eigentlich immer der Meinung, man darf Bücher auf keinen Fall wegschmeißen. Das tut man nicht. Doch manchmal ist man gezwungen, seine Meinung zu revidieren. Aus gegebenem Anlass werde ich meine Bücher von Akif Pirincci entsorgen. Eigentlich wollte ich sie verbrennen, das wäre allerdings die falsche Symbolik. Ich werde sie deshalb dahin schmeißen, wohin dieser Autor gehört - in den Müll.






Mittwoch, 7. Oktober 2015

Sie ist dann mal (wieder) weg

Sie müsse mir was sagen und ich solle mich doch bitte hinsetzen, meinte Theresa Anfang Juni mit ernstem Gesicht. Wenn mein Leben ein langer ruhiger Fluss ist, dann sorgt Theresa ab und zu für die ein oder andere Stromschnelle, gerne auch kleinere Wasserfälle. Sie ist, wie ich sie gerne auch nenne, mein kleines Überraschungsei.

Ich nahm also Platz und harrte ihrer Ankündigung. Sie habe ihren Job gekündigt und gehe mit ihrer Freundin Linda ab Oktober drei Monate lang auf Tour durch Südamerika, genauer nach Argentinien, Chile und Bolivien. 

So so, dachte ich. Hätte schlimmer kommen können. Zum Islam konvertieren und sich dem IS anschließen zum Beispiel. Bernies Begeisterung hielt sich in Grenzen. 

Es war mir schon lange klar, dass sich Resi irgendwann mal wieder auf die Reise nach Südamerika machen wird. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir sie in irgendein Land (ich tippe mal auf Südafrika) verabschieden werden. Sie wird immer eine Reisende sein. 

Natürlich beneide ich sie um diese Reise. Aber wenn man eines nicht brauchen kann auf so einer Tour, dann ist es die eigene Mutter. Leider. Aber einfach seine Sachen packen zu können und den ganzen Wahnsinn hinter sich zu lassen - wie ich das Kind beneide.

Selbstverständlich mache ich mir Sorgen und hoffe, dass wir die Mädels im Januar wieder wohlbehalten am Flughafen in Empfang nehmen können. Aber Sorgen macht man sich als Eltern immer. Von Anfang an. Die Sorge um das Wohlergehen ist ständiger Begleiter. Das gehört zum Job. Aber wie meinte meine Cousine Anja: Als Eltern braucht  man Hornhaut.


Ich möchte an dieser Stelle den Philosophen Khalil Gibran zitieren, seine Gedanken sind mir Inspiration.

Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der
Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
aber nicht eure Gedanken
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts,
noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der
Unendlichkeit, und Er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des
Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt Er auch den Bogen, der fest ist.

So, nun bin ich gespannt, was und wann wir wieder von den beiden hören. Unter einhundert2tage.myblog.de kann jeder, der möchte, den beiden auf ihrer Reise folgen. 




E

Montag, 28. September 2015

Der Mond ist aufgegangen

Alle Welt sprach gestern von dem astronomischen Ereignis, das uns der gute Mond, der sonst so stille geht, bescheren würde. Blutmond. Uuuuh. Mystisch. Zuvor gab es auch noch eine totale Mondfinsternis, zusammen ein Event, das es so erst wieder in 18 Jahren geben würde. Die Nacht versprach, sternenklar zu werden. Optimale Bedingungen für das Himmelsspektakel.

Ach komm, dachte ich mir, stellst dir halt auch den Wecker und schaust dir an, was das Firmament dir so zu bieten hat. Weil mir das in der Familie (und auch sonst) kein Mensch glauben würde, legte ich mir meine Kamera griffbereit auf den Nachttisch. Bernie hatte Nachtschicht, sein "du bist nicht ganz sauber" blieb mir also erspart.

Groß und rund stand der Mond am Himmel und tauchte meine Umgebung in ein bläuliches, kaltes Licht, als ich um kurz nach zwölf mit dem Hund unterwegs war. Wer eine Vollmondnacht in den Schweizer Alpen erleben durfte, für den war der gestrige Mond schon ein wenig pille-palle. Aber ok. 

Um 3.30 Uhr düdeldüte mein Wecker. Durch das Schlafzimmerfenster lugte la Luna. Anders als bei der Sonnenfinsternis braucht man bei einer Mondfinsternis wenigstens keine Spezialbrille dachte ich und wankte schlaftrunken zum Fenster. Ich blickte nach draußen und beobachtete, wie die Erde Stück für Stück ihren Schatten auf den Mond warf.  Um zu beweisen, dass ich wirklich und wahrhaftig um diese, in meinen Augen, unchristliche und zum Aufstehen absurde Uhrzeit aufgestanden bin, nahm ich meine Kamera zur Hand, um das Geschehen am Himmel über Neuenburg zu fotografieren. Soweit der Plan. Blöderweise war der Akku meiner Kamera leer.  

Die Worte, die mir spontan durch den Kopf gingen, sind nicht druckreif. Ich nahm notgedrungen mein Superhandy und knipste zwei Fotos. 

Wie gesagt, sie sollen nur als Beweis dienen. Der helle Fleck in den Bildmitten ist der Mond, kein Fleck auf dem Bildschirm.

Ganz ehrlich: Der Blutmond konnte mir gestohlen bleiben. Der war mir sowas von egal, als ich wieder unter die Decke schlüpfte. Gegen die Bilder von Alex hätten meine wohl sowieso abstinken können. Und außerdem sind heute massenweise Bilder von Monden in allen Rottönen zu sehen.

So gesehen sind mir schon einmalige Aufnahmen gelungen. 



Mittwoch, 16. September 2015

Das wird man ja noch sagen dürfen

Soll ich oder soll ich nicht?

Normalerweise gebe ich keine politischen Statements ab. Im Moment komme ich allerdings mit dem Denken nicht hinterher, mein Hirn ist blockiert und anstatt über meine konspirative Aktion am Freiburger Bahnhof zu schreiben, schleichen sich immer wieder Gedanken zur momentanen Flüchtlingssituation ein. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich bis zur endgültigen Entscheidungsfindung etwas länger brauche. Oder, mit anderen Worten, ich denke zu langsam.

Das gilt selbstverständlich nicht für meine grundlegenden Ansichten, die ich hier gar nicht weiter diskutieren möchte. Es gibt Grundsätzliches, worüber ich nicht diskutiere. Über alles, was sich am rechten Rand bewegt. Es ist möglicherweise leichtsinnig von mir zu sagen, ich nehme diese (jetzt fällt mir kein Wort ein, das sprachlich nicht entgleist und mich damit auf eine Stufe stellt mit denen, zu denen mir die Worte fehlen) nicht wirklich ernst. Sie sind intellektuell einfach zu weit weg. Wir haben schlicht keine gemeinsame Basis, auf der sich eine Diskussion auch nur ansatzweise führen lassen könnte. 

Jetzt marschieren sie also wieder, die selbsternannten patriotischen Retter des Abendlandes. Immer mit dem Hinweis, man sei ja nicht "rechts". Was denn sonst, meine lieben Marschierer? Von mir aus könnt ihr eure Zeit damit verplempern, mit fragwürdigen, fremdenfeindlichen Parolen (die jeglicher Grundlage entbehren) durch die Gegend zu latschen. Diese "Das-wird-man-ja-noch-sagen-Dürfer" dürfen das selbstverständlich gerne tun. Wir sind ein freies Land in dem jeder seine Meinung kund tun kann. Aber hört auf damit rumzumemmen, wenn man euch in die rechte Ecke verortet. Wenn es die geistigen Fähigkeiten nicht zu sehr überfordert, kann sich der ein oder anderen vielleicht Gedanken über die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der Ursachen von Flucht und Vertreibung machen. Einfach mal googeln.
 

Was mein Blut allerdings in Wallung bringt, ist das erbärmliche kollektive Versagen der sogenannten Europäischen Union. Von Union kann schon lange keine Rede mehr sein, spätestens mit den Dubliner Verträgen haben sie diese aufgekündigt. Man hat Italien und Griechenland (ausgerechnet) mit der Flüchtlingsflut alleine gelassen in der Hoffnung, das Problem werde sich schon von alleine lösen. Das Absaufen Tausender Menschen wurde dabei billigend in Kauf genommen. Lass mal den Papst Blumen ins Meer bei Lampedusa schmeißen und alles wird gut. Es wurde eben nicht alles wieder gut. Und das, meine Damen und Herren, war abzusehen. Man müsse sich wohl stärker mit dem Krieg in Syrien befassen, meinte unser Innenminister. Blitzmerker. Nach 5 Jahren ist ihm also auch aufgefallen, dass es einen Zusammenhang von Krieg und Flucht gibt. Aber vor 5 Jahren war er halt noch Verteidigungsminister, da hat er das vielleicht nicht mitgekriegt.

Als es um die Rettung von Quasi-bankrott-Griechenland ging, legten die zuständigen Minister einen Eifer an den Tag, der mich ungläubig staunen ließ. Diesen Eifer würde ich mir bezüglich der Rettung von Menschen auch wünschen. Am Dienstag trafen sich die Innenminister. Es werden 160.000 Flüchtlinge verteilt. Übernehmt euch nur nicht. Am kommenden Dienstag nun ein weiteres Treffen. Ich hoffe, ihnen wird angesichts des Tempos, das sie an den Tag legen, nicht schwindelig.


Mr Obama mahnte Frau Kanzlerin an, Europa möge doch das Problem mit den Flüchtlingen schnell in den Griff kriegen. Mr President belieben zu scherzen. Meines Wissens trugen die USA (unter Mithilfe der europäischen Verbündeten) nicht unwesentlich dazu bei, den Nahen und Mittleren Osten zu destabilisieren. Und nun sind die USA großzügigerweise gewillt, 10.000 Syrer aufzunehmen. Angst vor Überfremdung, oder was?
Es braucht mir keiner zu erzählen, dass der IS so plötzlich und unerwartet wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Den hatte wirklich keiner auf dem Schirm? Das hat man doch gewusst. Mit großzügiger Unterstützung einiger Golfstaaten wurde ein Packt mit dem Teufel geschlossen. Golfstaaten? War da was? Ach ja. Saudi Arabien. Und Katar. Mehr brauche ich wohl nicht zu schreiben.

Natürlich stehen wir vor einer großen Herausforderung. Wie viele Generationen vor uns übrigens auch. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass man Flüchtlinge problemlos aufnehmen und schwuppdiwupp integrieren kann. Wenn die erst mal alle verteilt sind ist alles gut. Natürlich wird es zu Spannungen und Problemen kommen. Die ersten Sätze von wegen, das habt ihr nun von eurer Willkommenskultur, werden wohl nicht lange auf sich warten lassen.

Das Boot ist nicht voll. Es ist etwas einseitig beladen und hat Schlagseite - und die Crew täte gut daran, die Passagiere ausgeglichen zu verteilen. 

Ich bin dankbar dafür, dass ich in Deutschland aufwachsen durfte und heute ein sorgenfreies Leben in diesem Land führen darf. Aber das ist nicht mein Verdienst. Dafür kann ich nichts. Die sogenannten Asylkritiker übrigens auch nicht.

Das wird man ja noch sagen dürfen.

So. Und jetzt kann ich über meine konspirative Aktion am Freiburger Hauptbahnhof berichten. 

Dienstag, 1. September 2015

Altes Fieber

Seit ein paar Wochen singe ich im Gesangverein Niederweiler. Wieso ausgerechnet in Niederweiler ist eine andere Geschichte, jedenfalls proben wir für das Jahreskonzert das Lied "Altes Fieber" von den Toten Hosen (und wenn ich in meiner Stimme eine Pause habe schicke ich leise Grüße nach Baiersbronn).

An dieses Lied musste ich in den letzten beiden Wochen öfters denken - es war mal wieder Ferienlagerzeit und "Immer wieder, sind es die selben Lieder ..." Lieder als Erinnerungen an vergangene Ferienlager, die natürlich geprägt und eng verknüpft sind mit den zwei schönsten, anstrengendsten, unvergesslichsten und beeindruckendsten Wochen des Jahres.

Wenn wir uns im Lagerlied die Lunge rausschreien und den Himmel noch mehr anflehen beendet dieses Lied den Bunten Abend und lässt nochmals die letzten Tage Revue passieren. Gerne denke ich an den Abend in Chatelard zurück, als wir, angeführt von Philip, unser Laudato si hinaussangen und wir sicher bis zum Gipfel des Montblanc zu hören waren. "Who let the dogs out?" konnten wir ganz leicht beantworten.

Ebenso unvergessen ist mir unser Musical "König der Löwen" in der Lenzerheide- Kurzversion oder die vielstimmige "Carmina burana" in Sedrun. "Es gibt nichts was mich hält, au revoir ..." An diesem Lied kam man in letzten Jahr nicht vorbei und Pfarrer Schulzens Lieblingskanon "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind" schallte immer wieder durchs letztjährige Lagerhaus in Lenzerheide.

In diesem Jahr tat sich allerdings kein Lied hervor, dass ich explizit mit dem Lager in Segnas verbinden würde. Nur für mich hatte ich das passende Lied in der Disco der ersten Woche gehört: "Wir bleiben wach bis die Wolken wieder lila sind" Ganz offensichtlich war dies das Motto eines Teils der Lagerkinder.

A propos Lagerkinder. Die waren teilweise so merkwürdig wie erwartet und erneut frage ich mich wann sich eigentlich Eltern aus ihrem Erziehungsauftrag verabschiedet haben. Vielleicht sollte ich der Mutter von I. den Tipp geben, mal in ihrem Keller nachzuschauen. Ihr Sohn hat nämlich die unangenehme Angewohnheit, in selbigen zu pissen. Vielleicht macht er das zu Hause ja auch.

Ansonsten war auch dieses Lager voller Höhepunkte. Der Besuch der Pfarrer Maier und Schulz nebst dem Herrn Baltes (wie der jetzt dazu kam, weiß ich nicht genau). Mit Pfarrer Maier habe ich nun, wie es scheint, auch wieder einen Pfarrer. Bodenständig verhaftet im Hier und Jetzt. Nicht aus der Zeit gefallen und dahinschwebend in höheren geistigen (und geistlichen) Sphären, denen zu folgen ich leider nicht in der Lage war. Ich wünsche Pfarrer Maier jedenfalls viel Erfolg bei der Wiederbelebung unserer im Koma liegenden Gemeinde. Möge die Macht mit ihm sein.

Über Pfarrer Schulz bedarf es eigentlich keiner Worte. Er war einfach nur Schulz. An dieser Stelle muss ich natürlich folgende Szene schildern (sorry Mäc): Mäc und ich saßen nebeneinander zusammen mit Schulz am Tisch. Da steht er auf einmal auf (und er ist ja nun wirklich nicht mehr gut zu Fuß) kommt zu uns rüber und meint: Wenn er uns so nebeneinander sitzen sähe könnte man meinen, wir seien Schwestern. Diesen Satz sticke ich mir auf ein Kissen, pinsle ihn an die Wand und werde ihn immer in meinem Herzen tragen.


Sister Act
Herzwohltuend war für mich auch der Besuch von Sophia, Franzi und Theresa, die bedauerlicherweise nur übers Wochenende da sein konnten. Sie haben dem Lager gut getan.

ihr habt mir gefehlt

Auch dieses Lager hat viele "Weißt du nochs".  Angefangen von familienfreundlichen Wanderungen, auf denen man schlappe 7 Stunden unterwegs war (also ich nicht), Schmuggler und Zöllner, das im Bachbett endete, Kinder die sich wahlweise vegan, von Pringles, Eistee, Cola oder gar nicht ernährten, Lukas als personifiziertes Leiden Christi, Mother Mary, Jörgs neuer Liebe und viele Stories, die ich nicht mitbekommen habe, die mich nichts angehen und Lagerleitergeheimnis bleiben.


"Wir machen alte Kisten auf, hol'n unsre Geschichten raus ..." Kommt mir irgendwie bekannt vor.