Mittwoch, 13. August 2014

Lagermuttis

Das Ferienlager der KjG Neuenburg steht vor der Tür. Für alle Beteiligten eine besondere Zeit. Mit Geschichten, die ein Buch füllen könnten.

Lagerleben. Unbeschwerte Tage. Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, Freundschaft schließen, die Nacht zum Tag machen und am Tag den Herrgott einen guten Mann sein lassen. Ohne die nervende Aufsicht der Eltern.
Wer allerdings Pech hat, dessen Mutter ist Mitglied des Küchenteams. Noch größeres Pech haben Leiter, deren Mütter im Küchenteam sind.
Diese Muttis gibt es in drei unterschiedlichen Ausrichtungen:

Die Glucken
Ihre „Küken“ haben den Tag ihrer Volljährigkeit schon längst gebührend gefeiert. Sie verfügen über einen höheren Bildungsabschluss und der ein oder andere ist schon flügge und hat das mütterliche Nest schon lange verlassen. Nur, um im Lager mit aller mütterlichen Fürsorge betreut zu werden. Glucken weisen ihren Nachwuchs mehr oder weniger dezent darauf hin, wann es zu kalt ist, um ohne Pulli und Socken rumzulaufen. Sie wissen genau, wann es angemessener ist, ein T-Shirt statt eines Hemdes zu tragen. Verstohlen blicken sie auf die Teller ihrer Lieben (gerne auch fremde Kinder), und ein Seufzen der Erleichterung kommt über ihre Lippen wenn sie bemerken, dass ihre Brut nicht des Hungers stirbt.
Die Mütter reisen prinzipiell mit der eigenen Reiseapotheke, um beim geringsten Räuspern sofort einschreiten zu können. Sie wissen auch immer ganz genau, wo sich ihr Kind gerade aufhält.
Leiter von Gluckenmuttis ernten oft mitleidige Blicke.

Die scheinbar Gleichgültigen
Sie wechseln kaum ein Wort mit ihren Kindern in der Zeit ihrer Anwesenheit. Nichts deutet darauf hin, dass es sich bei den beiden, die sich gerade ein gleichgültiges „Guten Morgen“ zuraunen, um Mutter und Sohn/Tochter handelt.
Dieser Eindruck täuscht. Diesen Müttern entgeht nichts. Über-haupt-nichts! Sie wissen genau, wie viele Flaschen des köstlichen Hopfen-Malz-Getränkes am Abend getrunken wurde. Sie registrieren mit Argusaugen die ersten zarten Annäherungsversuche zum anderen Geschlecht. Und signalisieren mit einem einzigen Blick ihr mütterliches Wohlwollen oder ihre vernichtende Ablehnung.
In ihrer freien Zeit sitzen die sG auf der Terrasse und geben vor, ein Buch zu lesen. Was sie natürlich nicht tun. Stattdessen haben sie ganz genau im Blick, was ihre Leiterkinder gerade treiben. Dabei wiegen sich die Leiterkinder in trügerischer Sicherheit. Die Abrechnung erfolgt nämlich zu Hause.

Die Peinlichen
Das Lagerleiterkind hatte mit allen Mitteln vergeblich versucht, die aus seiner Sicht größtmögliche Katastrophe zu verhindern. Leider ohne Erfolg. Die Mutter geht mit ins Küchenteam und dem bedauernswerten Leiterkind sind die Konsequenzen völlig klar.
Peinliche Lagermuttis erzählen in lockerer Runde mit Vorliebe Anekdoten aus der frühen Kindheit ihres Sohnes/ihrer Tochter. Sie ersetzen beim Gottesdienst mühelos einen ganzen Kirchenchor, so dass sich die übrigen Gottesdienstteilnehmer erschrocken nach der Quelle des Lärms umdrehen. Ebenso peinlich sind die Tanzeinlagen bei der Lagerdisco oder die Teilnahme am Bunten Abend in noch bunteren Kostümen. Peinliche Küchenmuttis bestechen nicht durch ihre Kochkunst. Gerne demonstrieren sie ihre Unsportlichkeit, in dem sie bei Geländespielen am Steilhang kleben oder nach einem eleganten Sprung von der Schaukel bäuchlings den Hang runterrutschen.
Kinder von peinlichen Lagermuttis sind ständig auf der Hut und ernten mitleidige Blicke von ihren Kollegen. Selbstverständlich gehen diese Muttis 14 Tage mit ins Lager.

Clevere Leiter erzählen übrigens zu Hause nicht, dass sie ins Ferienlager gehen. So kommen ihre Mütter schon gar nicht auf die Idee, mit ins Lager zu fahren.
Sie erklären ihre 14-tägige Abwesenheit mit einem Aufenthalt in einem tibetischen Kloster oder einem Töpferkurs in der Toskana.
Es gibt tatsächlich Leiter, die fahren zwischendurch nach Hause (mit irgendeiner fadenscheiniger Ausrede – Hausarbeit, Prüfung, Fußball) nur um zu kontrollieren, ob ihre Mütter auch da sind, wo sie hingehören.

Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Jürgen – meiner Inspiration für diesen Artikel.

eine besondere Spezies Lagermutti: die Lässigen



Freitag, 8. August 2014

Tempus fugit

Die Zeit flieht. Zeit flieht nicht nur, sie rast in einem Tempo an uns vorbei, dass man sich wünschen möge, einer würde auf die Bremse treten.

Natürlich war Zeit schon immer ein Faktor, der rein subjektiv mal schneller, mal langsamer vergeht. Jeder Schüler kann ein Lied davon singen. Je nach Fach ist die Stunde zu Ende, kaum dass sie angefangen hat. Oder auch nicht.
Ich hatte noch Samstags Unterricht, in der 11. Klasse 4 Stunden à 60 Minuten. Mit dem langweiligsten Mathelehrer des Universums. Ich habe keine Ahnung mehr, was der gute Herr S. uns versuchte zu vermitteln, auf jeden Fall weiß ich seitdem, was eine Nahtoderfahrung ist.   

In zahlreichen Lebenshilferatgebern ist von Entschleunigung die Rede. Nun, ich entschleunige. Von Theresa wird dies wohl fälschlicherweise als "auf dem Sofa rumliegen" wahrgenommen. Doch wenn ich noch mehr entschleunige, müsste man mich für tot erklären. Doch allein - es hilft nichts.

Wir sind Fußballweltmeister. Stimmt, da war ja was. Abgehakt, vorbei. Als ich 1974 Weltmeister wurde, dauerte die Euphorie darüber wesentlich länger.

Vor acht Wochen begann Magdalena ihre Tätigkeit als Aushilfe bei der Firma Neoperl. Irre. Schon acht Wochen her. In einer Woche gehe ich ins Ferienlager, in drei Wochen bin ich wieder zu Hause, dann ist September, der Sommer rum, die Tage werden schon spürbar kürzer, bald ist Weihnachten. Ich sollte mir schon mal Gedanken um Weihnachtsgeschenke machen. Spätestens am 2. Weihnachstfeiertag denkt man an Silvester und dann ist das Jahr 2014 auch schon wieder Geschichte.

In meiner Kindheit und Jugend spielten Filme in einer Zeit jenseits der 2000er. Computerlogbuch der Enterprise. Sternzeit 2.0.1.4
Nun lebe ich in dieser Zeit (leider weiß man noch immer nicht wie das mit dem Beamen geht. Könnte sich auch mal einer damit befassen, ihr lieben Physiker!). Leider ist die Welt immer noch der schlechte Ort, der sie schon immer war. Vietnam, Kambodscha, Argentinien, Chile, Afghanistan, Südafrika, der Prager Frühling, Eritrea, Biafra - die Schauplätze menschlichen Wahnsinns haben sich geändert. Ansonsten, same procedure as every year. 

Allerdings ist die Verweildauer bei den jeweiligen Katastrophen erheblich kürzer. Entführte Mädchen in Nigeria. Interessiert keine Sau mehr. Milliarden für eine WM aber kein Geld für ein marodes Bildungs- und Gesundheitssystem in Brasilien? Kurzfristig ein Aufreger. Abgesoffene Flüchtlinge vor Lampedusa? Schon längst keine Meldung mehr wert. Katastrophenhopping, sozusagen.

Im Bestreben, so aktuell wie möglich zu sein, werden noch die abstrusesten Meldungen übers Netz verbreitet, ohne den Wahrheitsgehalt überhaupt in Frage zu stellen. Schnell, schnell, jeder will der erste sein. Zack, zack, Twitter, Facebook, WhatsApp. Medialer Irrsinn der einen glauben machen kann, die Erde würde sich vielleicht doch einen Tick schneller drehen.

Was man daran ändern kann? Gar nichts. Da müsste man wahrscheinlich an den Amazonas umsiedeln. Oder in die innere Mongolei. Auf jeden Fall dahin, wo Zeit keine Rolle spielt. Aber wirklich eine Option ist das auch nicht. 


gemalt von Mäc!



Montag, 4. August 2014

Theresas Gastbeitrag - Das Leben mit einer Blogger-Mutter

Ganz viele finden es ja absolut klasse, dass meine Mama seit Neustem viele kleine Geschichten über das Leben im Internet präsentiert. Das würde ich vielleicht auch, wenn nicht Hauptthema unser idyllisches Familienleben wäre.

Ich bin der Meinung, es ist einfach ein Muttergen. So bald das Kind das erste Wort sagt, den ersten Schritt geht, das erste mal alleine aufs Klo geht – das wird voller Stolz Freunden und Familie erzählt. Da wir aus dem Alter mittlerweile draußen sind, werden unserem Alter entsprechende Geschichten der Öffentlichkeit präsentiert. Nun ist es an der Zeit, dass meine liebe Mama Angelika Theresia Luise Lais mal Mittelpunkt eines Blogs ist. Das ist der Grund dieses Gastbeitrags.

Ich möchte gleich am Anfang anmerken, dass ich die allerbeste Mama der Welt habe. Und an alle Mütter, die diesen Blog lesen: jedes einzelne eurer Kinder könnte auch einen Eintrag über euch schreiben. Ich vermute ein ganzes Buch. Wer weiß, vielleicht ist es auch bald so weit, dass ihr bei Amazon das Buch „Meine Mama – der Wahnsinn trägt einen Namen“ oder „Wenn die Verrückten normal neben deiner Mutter wirken“ geschrieben und erlebt von Theresa Lais käuflich erwerben könnt. Ich halte mir alle Wege offen.

Denn Themen gäbe es in Hülle und Fülle.

Gerüchteweise hat Angelika früher einmal Sport getrieben. Ich glaube allerdings, dass das so lange her ist, dass es in einem anderen Leben war. Denn wenn ich an meine Mama denke ... dann liegt sie mit einem Buch (seit diesem Jahrtausend auch mit dem Laptop) auf dem Sofa. Nichts da mit „lasst uns zusammen eine Fahrradtour machen“ oder mit „wie wäre es denn mit einem Wanderurlaub?“ Wir hätten uns zwar mit allen Mitteln dagegen gewehrt, aber man hätte ja mal fragen können.

Ich habe da meine ganz eigene Theorie. Meiner Meinung nach spart sie das ganze Jahr ihre Energie - und zwar bei jedem einzelnen unfassbar langsamen Gang zur Eisdiele, bei jedem Mal, wenn sie vor Langsamkeit fast vom Fahrrad kippt und bei jedem Mittagsschlaf - dafür, es an Fasnacht rauszulassen. Da bekommt man sie fast gar nicht mehr nach Hause, geschweige denn von einer Bühne runter. Da wird getanzt, gesungen und Bütten vorgetragen, als gäbe es kein Morgen mehr. Keine Verkleidung ist ihr zu dumm, kein selbstgereimtes Lied zu doof, keine Schrittfolge zu kompliziert. Nach dem Rosenmontag ist dann die Batterie allerdings wieder leer. Wenn man sie unterm Jahr sucht, ist der erste Gang an die Couch, der Zweite in den Garten. Irgendwo, alle Viere von sich gestreckt findet man sie dann meistens. Sonnetankend. Schlafend. Im Auflademodus eben.

Mir liegt noch so viel auf der Zunge, bzw. auf den Finger, das ich noch erzählen will. Aber ich hab da eine nervige Stimme im Ohr „ein Eintrag darf nicht so lange werden“ und ein Augenpaar, das hier immer rüber linst. Deswegen hoffe ich, dass ich irgendwann eine Fortsetzung schreiben darf. Ich warte aber erst einmal ab, wie zensiert der Text im Internet landet. Sonst wird das Buch doch schon früher veröffentlicht.


Anmerkung der Bloggermama: Ich sollte vielleicht an meinem Image arbeiten ...

Samstag, 2. August 2014

Meine erste Covernight

Covernights sind ja nicht so mein Ding. Das sieht man schon daran, dass es sie bereits seit 10 Jahren gibt und ich gestern zum ersten Mal diese Veranstaltung in Müllheim besuchte. Musikalisch liebe ich die Abwechslung und es fällt mir eigentlich keine Band oder ein Solokünstler ein, von dem ich mir ein Konzert anhören möchte. Außer den Wise Guys und Herbert Grönemeyer. Aber der wird eher nicht gecovert.

Für den richtigen Musikmix gibt es ja die Milestone und da sie als Vorgruppe gebucht wurden war es Ehrensache, dass ich gestern zusammen mit Elke, Andi, Hubert und Gaby Covernightpremiere feierte.  

Entgegen der Ankündigung, dass um 18 Uhr Einlass wäre mussten wir noch bis halb sieben warten, bis sich die Tore für uns öffneten. Ich erblickte Juliane und Volker Schröter und winkte ihnen fröhlich zu. Merkwürdigerweise hat sich aber ein Schweizer Musikliebhaber von meiner Winkerei angesprochen gefühlt, denn er meinte zu mir: "Wiä chlei isch doch d'Wält". Ich fragte ihn, ob er mich kenne, was er sofort bejahte. Ich habe keinen blassen Schimmer wer das war. Ich habe mich mit meinem Gewinke danach merklich zurückgehalten, wer weiß, wer sich sonst noch angewunken gefühlt hätte.

Wir hatten uns gerade an einen Tisch gesetzt, als ich Ramona und Ane erblickte. Ich vergaß meinen Entschluss nicht mehr zu winken denn ich sah, dass Inas Freund James sie begleitete. Wow. Da fällt dir nicht mehr viel ein. A really creampiece so to say. Ich muss mal fragen, ob er vielleicht noch einen Bruder hat, ich hätte da ja noch einen Froschplatz auf meinem Brunnen. Besser wären noch zwei Brüder - für L. Den Namen schreibe ich jetzt nicht aus, sonst  ist L. böse auf mich.

"Unsere" MIlestone waren einfach großartig und ich dachte mir nach ihrem viel zu kurzen Auftritt, wer braucht jetzt eigentlich noch Still Collins. Also Elke auf jeden Fall nicht, die findet Genesis im Allgemeinen und Phil Collins im Besonderen einfach nur ätzend. Wie für mich zwei Stunden Dauerbeschallung von Fischers Helene durch deren atemlose Nacht.

"Phil Collins" hatte eine sehr merkwürdige Mickey-Mouse-Stimme und näselte etwas. Das läge daran, meinte Stefan, dass ihm unten was fehle. Wo unten und was genau weiß ich jetzt nicht, hat wohl was mit dem Mikrofon zu tun oder so. Jürgen meinte allerdings, Phil Collins klingt in echt so. Mal bei Elke nachfragen. Außerdem würden sie unglaublich sauber spielen. Toll. Glückwunsch. Der normale Endverbraucher hört wahrscheinlich keinen Unterschied.

Dann hatte Elkes Martyrium ein Ende und es kam die Coverband der Bee Gees. Mein lieber Mann, das war ... beeindruckend. Im ersten Moment dachte ich, der Rudi Grunau spielt bei denen am Bass. Würde ich dem Rudi auch zutrauen, dass er neben seinen vielen Aktivitäten auch noch in einer Coverband spielt.  

Könnte man Töne auch sichtbar machen (ich weiß, dass man Töne auch sehen kann - ich meine das jetzt aber anders), hätte man bestimmt gesehen, dass sie den Sängern (hauptsächlich dem in der Mitte) oben zur Schädeldecke rauskommen. Wahnsinn. Außerdem hatte eben dieser Sänger eine unglaublich positive, sehr angenehme Ausstrahlung. Und das Auge hört schließlich mit, wie Elke ganz treffend anmerkte.

Dann versuchten wir uns mal wieder in der Kunst, ein Selfie zu produzieren. Ich muss mal bei Gelegenheit den Poldi fragen, wie der das so gut hinkriegt. Nicht vorzustellen, wenn wir mit der Merkel ein Selfie machen müssten. Uns würden wohl die Bürgerrechte aberkannt.

Christian hat uns dann fotografiert - und ja, das Selfie war schlimmer.




Auf dem Heimweg trafen wir übrigens wieder "meinen" Schweizer. Er stand in einer Telefonzelle. Ich habe ihm nicht gewunken.


Montag, 28. Juli 2014

Mein Leben als Küchenfee

„Wenn du Hilfe brauchst, stehe ich gerne zur Verfügung.“ Dieser gegenüber Elisabeth Grunau leichtsinnig daher gesagter Satz brachte mich ins Küchenteam des Ferienlagers der KjG Neuenburg. Das war zwar von mir ganz und gar nicht so beabsichtigt, doch Elisabeth teilte mich kurzerhand dem Küchenteam zu. Schüchtern warf ich ein, ich wolle aber nur eine Woche mitgehen, gnädigerweise wurde meiner Bitte entsprochen und ich entschied mich für die zweite Woche. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Châtelard also. Am Fuße des Mont Blanc idyllisch gelegen. Weniger idyllisch war die Küche. Alte Pfannen und Töpfe, ein Herd, der nicht richtig funktionierte, viel zu wenig Geschirr, kaum Kühlmöglichkeiten für die von uns mitgebrachten Lebensmittel. Machte aber nix, es geht noch schlimmer, meinte Bettina, in was weiß ich wo war die Küche in einen Felsen gehauen und hatte kein Tageslicht. Und wir konnten wenigstens das Gemüse draußen bei herrlichem Sonnenschein schnippeln.

Die Woche war ratz-fatz um. Mir war bis dahin nicht bewusst, dass es Kinder gibt, die ständig von einem nagenden Hungergefühl befallen sind. In Falle des Ferienlagers betraf dies sämtliche Teilnehmer. Wohlgemerkt hätten die Portionen mühelos eine Bundeswehrkompanie gesättigt.

Bei Dienstantritt war ich der irrigen Meinung, mein Leben bestünde fortan nur aus kochen und Töpfe reinigen (und beten, natürlich). Weit gefehlt. In einer Woche Châtlard mutierte ich zur menschlichen Pyramide, ich wurde beinahe Lagerstar (im Duett mit Theresa), zusammen mit Gaby und Bettina machte ich die Nacht zum Tag und wir trieben damit unsere Töchter in den Wahnsinn. Ich triumphierte im Mörderspiel über Christian Grumber, was mir danach nie wieder gelingen sollte. Kurz gesagt, mein Entschluss, im nächsten Jahr wieder mit ins Lager zu gehen (und zwar für 2 Wochen), stand noch vor der Heimreise fest.

Lenzerheide. Schon besser als Châtelard. Mit Andreas Hofmann einen Profikoch dabei, was am Speiseplan deutlich zu sehen war. Allerdings wurde in Lenzerheide die Mitglieder des Küchenteams ihrer Individualität beraubt. Wir wurden der Einfachheit halber schlicht als „Küche“ tituliert. Als „Küche“ bereiteten wir die Mahlzeiten zu, heilten kleine und größere Blessuren und zur Belohnung durften wir die ganz großen Verletzungen im Dorf bei einem mehr als ansehnlichen Bergdoktor verarzten lassen.
In Lenzerheide klebte ich wie ein nasser Sack am Berghang, fiel von der Schaukel und labte mich des Abends nach einem ereignisreichen Tag am lieblischen Roten von der Kerstin und am Röteli der Vermieter. Zum Leidwesen der Leiterinnen, die über unserem Stübli schliefen und sich über den Lärm beschwerten, den wir angeblich gemacht hätten.

Was das Haus, die Umgebung und - vor allem die Küche – angeht, war das Haus Planatsch in Rueras/Sedrun kaum zu schlagen. In völliger Alleinlage war es total egal, wenn die Kinder lärmten oder sich todesmutig auf der Wasserrutsche den Berg runter warfen.




Es war nicht schlimm, wenn es mal regnete, und wenn einer nervte hatte man genug Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Und das Küchenteam hatte einen eigenen Trakt, für Kinder und Leiter tabu, mit einer Waschmaschine. Ich durfte Yogaübungen im Morgengrauen bestaunen und Lamas zogen am Küchenfenster vorbei.

der Beweis - kochen macht Spaß
Die Küche ist ein Traum und erleichterte die Arbeit ungemein, so dass genug Freizeit bliebt um zu lesen, Bändchen zu knüpfen, am Nachmittag den fehlenden Schlaf nachzuholen oder einfach auf dem herrlichen Balkon zu chillen.
chillen für Fortgeschrittene

ABBA - oder so ähnlich

Man war zwar immer noch „die Küche“, aber dafür wurde man durch das -größtenteils- liebenswerte Leiterteam mehr als entschädigt. Oder als musikalisches Highlight am letzten Lagerabend gebucht.




Also alles Friede, Freude, Eierkuchen (oder Himbeertraum)? Ganz und gar nicht. Gibt es Leiter, die nerven? Aber Hallo! Kinder, die „besonders“ sind? Ohne Zweifel. Fängt der Tag in der Küche viel zu früh an? Für mich definitiv.

Nun also Lenzerheide, zweite Auflage, anderes Haus. Alles ein bis zwei Nummern kleiner. Wir werden wieder zusammenrücken müssen - ein bisschen wie Châtelard. Mit einer schönen Küche. 




Montag, 21. Juli 2014

Grenzwertig

Am letzten Donnerstag traf sich der Arbeitskreis Frauen mit Lebenserfahrung zum Meinungsaustausch unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebenssituation bei Gastgeberin und Dozentin Elke. Unter den weiteren Anwesenden Gaby, Babsi, Traudl-Andi und mir entwickelte sich recht schnell eine angeregte und äußerst fruchtbare Diskussion, nicht zuletzt auf Grund der qualifizierten Redebeiträge. 

Die umfangreiche Abendordnung beinhaltete auch die Frage nach den Einkaufsgewohnheiten. Für die in der dörflichen Idylle von Niederweiler beheimateten Babsi kein besonders erwähnenswerte Tätigkeit der täglichen Routine, Traudl-Andi wohnt in einer WG und ich weiß gar nicht mehr, wer da für den Einkauf zuständig ist. Die restlichen Neuenburger holten erst einmal tief Luft.

Gaby erledigt ihre Einkäufe so gut es geht - ich wage es an dieser Stelle kaum zu schreiben - in Müllheim. Elke schleicht sich vor dem Morgengrauen aus dem Haus, um als erste den Laden zu betreten. Und ich schicke Bernie.

Grund für unser seltsames Verhalten sind unsere westlichen Nachbarn, die uns wirklich alles an Geduld, Toleranz und einem Höchstmaß an Gelassenheit abverlangen. 

Dabei unterscheiden wir durchaus zwischen den Lidl-Aldi-DM-Tabac-Franzosen und den ModeBuck-SchuhLamm-Einzelhandels-Franzosen. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht polemisieren und den Franzosen vorhalten, dass sie sind, wie sie sind. "Wir" sind manchmal auch recht merkwürdig. So mutet es doch sehr befremdlich an, dass wir anscheinend nicht mal in der Lage sind, einen WM-Sieg zu feiern, ohne dass sich der mahnenden Zeigefinger der politischen Korrektheit erhebt.

Andererseits nervt es. Es nervt, die kulturellen Unterschiede Tag für Tag zu ertragen. Gestern fuhr ich mit 70 km/h von Müllheim nach Neuenburg. Wir Deutschen fahren von A nach B so schnell wie möglich. Alles andere ist vertane Zeit. Franzosen haben im Auto anscheinend alle Zeit der Welt. Wahrscheinlich ist die Zeit im Auto für französische Familien die einzige Möglichkeit, sich in aller Ruhe zu unterhalten.

Es nervt, wenn man hinter einem Auto warten muss, weil der Fahrer bei laufendem Motor (entgegen der Fahrtrichtung versteht sich) vor dem Tabacladen hält um sich Zigaretten zu kaufen. Das mag in Frankreich üblich sein, bei uns eben nicht. Und dass es Franzosen überhaupt nicht stört, dass uns das stört, macht die Sache sehr anstrengend. 

Es nervt, wenn man erst drei, vier Einkaufswagen rangieren muss, um an das gewünschte Regal zu gelangen, wenn das Auto auf dem Parkplatz neue Kratzer und kleine Dellen aufweist oder wenn man an der Kasse steht und dem Vordermann reicht das Geld nicht - bei einem Einkaufswert von weit über € 200
Und nein, Ihre Kreditkarte funktioniert hier nicht. Pardon?

Vielleicht klingt dies alles für die französischen Einkaufstouristen kleinkariert, engstirnig und spießig. Aber so sind wir nun mal. Und vielleicht ist das der Grund, wieso man "die Franzosen" als Belastung empfindet - weil man unsere Befindlichkeiten so wenig respektiert.    

Mittwoch, 16. Juli 2014

Das zweite Wochenende im Juli

In diesem Jahr jährte sich das Nepomukfest zum 46. Mal. Es ist wohl eines der ältesten Straßenfeste in Südbaden, startet immer am zweiten Freitag im Juli und endet am darauffolgenden Montag. Es gibt kein Jahr, an dem ich nicht dabei war. Nun gut, die ersten Jahre beschränkte sich mein Aktionsradius auf das Kinderkarussell, allerdings zog ich im Laufe der Jahre immer weitere Kreise.

Mittlerweile hat sich der Kreis wieder etwas eingeengt. Ich bewege mich hauptsächlich zwischen  der Laube des FC Neuenburg und dem Weinbrunnen des Männergesangsvereins, wo ich mich mit Gaby und Hubert verabrede. Zur selben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes Mal. Und wenn wir dann irgendwann mit unseren Rollatoren angeschoben kommen, haben wir sogar eine Sitzgelegenheit. 

In diesem Jahr spielten am Freitag "Fashion" auf dem Tanzboden gegenüber ein Medley von Andrea Berg. Was für den Neandertaler ein Säbelzahntiger, ist für mich Andrea Berg. Mein einziger Gedanke war, ich muss hier weg und so spurtete ich an den Bierbrunnen der Riesirutscher. Dort standen Theresa und Matze. Ihre Begeisterung, mich zu sehen hielt sich in engen Grenzen. Mit Mutti auf dem Nepomukfest ist nicht so ihres. Theresa machte mich auch gleich darauf aufmerksam, dass auch Susi und Thommy da seien.
Es wurde ein richtig langer Abend am Weinbrunnen, zum Schluss traf ich Matze nochmal und mittlerweile war es ihm auch egal, mit Mutti rumzustehen.

Samstag ist nicht so mein Tag. Samstag überlasse ich gerne den Auswärtigen, die in Scharen das Fest bevölkern. Außerdem habe ich wirklich jedes Spiel der Fußball-WM gesehen und da verstand es sich von selbst, dass ich auch das Spiel um Platz 3 anschaute. Erschwerend kam hinzu, dass Gaby und Hubert ihren Enkel hüteten und Bernie beim FC Neuenburg festgetackert war. Die Ballermannmusik ging mir auf den Senkel und ich zog es vor, nach Hause zu gehen. Bernie folgte später.

Sonntag hatte Bernie Dienst in der Küche des FCN. Die Küchencrew hatte ganz schön viel zu tun und ich beschloss, ihnen zu helfen. Ich erklärte Bordi, dass ich seinen Job an der Spülmaschine übernehme. Er so: Ja echt jetzt. Ich so: Klar, kein Problem. Er so: Jetzt wirklich. Ich so: Das krieg ich hin. Er konnte kaum glauben, dass jemand, der nicht auf dem Dienstplan steht, einfach so aushilft. Vielleicht kennt er das nicht. Susi und ihre Tante Ulla wirbelten auch in der Miniküche, wobei Tante Ulla eindeutig Chef im Ring war. Tante Ulla erinnerte mich an eine Sprechpuppe, an der der Ausschaltknopf kaputt gegangen ist. Ihre Idee, die Küchenprofis in die Nepomuklaube zwecks Verbesserung der Arbeitsabläufe etc. einzuladen, finde ich immer noch irgendwie ... schräg.
Den Plan, evtl. nach dem Finale noch aufs Fest zu gehen, verwerfe ich. 

Fête de jour. Am 14. Juli wurde die Bastille gestürmt, heute stürmen die Franzosen Aldi, DM und Lidl. An französischen Feiertagen wird die Stadt heimgesucht, es reiht sich Stoßstange an Stoßstange und ich bin jedesmal schier fassungslos darüber, warum die Franzosen, nur weil Feiertag ist, in unsere Stadt einfallen.  
Heute steht in der Badischen Zeitung, es wären weniger Franzosen da gewesen als von den Vereinen erhofft. Echt jetzt? Für mich waren es genug.

Ein letztes Mal treffen wir uns am Weinbrunnen und wie in jedem Jahr sind wir erstaunt über die Menschenmassen, die sich zwischen den Lauben Zentimeter um Zentimeter vorankämpfen.
Ey Alter, dann muss isch auf Klo un isch an Boxauto vorbei, ey, abba macht nix, war Sekuriti am Start Alter. Die reden wirklich so.
Nach dem Feuerwerk lichten sich die Reihen etwas. Auch an diesem Abend wird es etwas später.


Ich bin gerade von meinem nächtlichen Spaziergang mit dem Hund wieder zu Hause, da treffe ich Theresa im Flur. Die Frage, ob ich etwa ein klein wenig zu viel getrunken hätte, verneine ich beinahe empört. Und warum ich dann meinen Schal hinten aus der Jogginghose raushängen habe, war Resis nächste Frage und sie schaute mich streng an. Darauf habe ich natürlich nicht wirklich eine plausible Antwort und verweise auf den neuesten Modetrend. Wer für immer einen Platz in meinem Herzen haben möchte, der möchte bitte, wenn er Theresa das nächste Mal sieht, einen Schal hinten aus der Hose hängen lassen - vielen Dank im Voraus.

Auch in der weiter östlich gelegenen Nachbarstadt versucht man sich, eine ähnliche Atmosphäre auf ihrem Stadtfest zu schaffen und man kann ihnen nicht absprechen, dass sie sich nicht bemühen würden. Allerdings muss ich aus meiner Sicht sagen, es gelingt ihnen nicht wirklich. Wer zu seinen Gästen mittags um vier sagt, tut mir leid, es gibt von vier bis sechs nichts zu essen, die Küche mache zu, der muss noch etwas an seiner Willkommenskultur arbeiten. 

Es würde mir was fehlen, ohne das Nepomukfest. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich sehr freuen, mich mal wieder zu sehen. Und umgekehrt. Das tut gut. Es gibt Menschen, die sieht man nur einmal im Jahr, immer zur gleichen Zeit, immer am zweiten Juliwochenende.